Töchter der Sonne

Ntonya Sande sitzt kerzengerade auf einem Holzstuhl im Gemeinschaftsraum des Dorfes Kachaso im Süden Malawis. Ntonya ist 15, vor zwei Jahren hat sie geheiratet. Ihre Eltern hatten alles bei den verheerenden Überschwemmungen verloren, die große Teile Malawis im Jahr 2015 unter Wasser setzten.

Die Fluten haben Ntonya’s Kindheit abrupt beendet. Von einem Tag auf den anderen war sie kein Kind mehr, sondern eine verheiratete Frau. Immer wieder wirft sie einen Blick aus dem Fenster. Draußen steht ihr Mann Sande Chimkangu, 21, mit der gemeinsamen einjährigen Tochter Silika. „Die Fluten haben unsere ganze Ernte zerstört,” erzählt sie über ihre Familie. „Danach mussten wir Feuerholz im Wald sammeln und es verkaufen. Wenn wir etwas verkaufen konnten, konnten wir etwas Mais kaufen. Damit haben wir Maisbrei gemacht.”

Sande Chimkangu, who was 19 when he married Ntoya Sande. They have a one year old daughter, Silika Sande.

Ntonyas Ehe wurde von ihren Eltern arrangiert. Sande bot ihnen eine Mitgift von umgerechnet rund 29 Euro und 50 Kilogramm Zucker. „Mein Mann ist zu uns nach Hause gekommen und hat um meine Hand angehalten. Meine Eltern waren es, die angenommen haben. Ich habe in diesem Alter nicht über eine Heirat nachgedacht.“ Es war das erste Mal, dass Ntonya ihren zukünftigen Ehemann sah. „Als ich gesehen habe, wie er um meine Hand anhält, war ich überhaupt nicht glücklich, weil ich ihn noch nie gesehen hatte.” Ntonya bat ihre Eltern, sie nicht zu verheiraten. Mit 13 wäre sie doch noch zu jung, um zu heiraten und sie wollte das Haus ihrer Eltern nicht verlassen. Doch ihre Bitten waren vergeblich.

Die Eltern erklärten Ntonya klar und deutlich: die Unwetter hätten ihnen alles genommen. Es gebe schlicht und einfach nicht genug Essen für alle. Hätten sie genug zum Überleben gehabt, hätten ihre Eltern damit gewartet, sie zu verheiraten. Davon ist Ntonya überzeugt.

Doch Ntonyas Heirat hat nur wenig an ihrer Situation verändert. Immer noch muss sie Feuerholz sammeln, um Essen auf den Tisch zu bringen. Und es ist immer noch nicht genug für alle. Das Leben ist für die 15-jährige Ntonya ein stetiger Kampf. Irgendwann hört sie auf zu sprechen. Sie beißt sich auf die Lippe und sieht zu Boden.

Ntoya Sande

Der Klimawandel schreibt viele Geschichten, die meisten glaubt man zu kennen: Von den ausgetrockneten Landschaften bis hin zu den schmelzenden Polkappen. Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil ihre Häuser vom Wasser verschluckt wurden. Düster und beängstigend mag das alles sein, trotzdem bleibt es meist das Szenario einer Zukunft, die wir nicht mehr erleben werden.

Doch in vielen Teilen der Welt ist der Klimawandel bereits Realität. Diese Reportage blickt deshalb nach Malawi und Mosambik. Beide Länder liegen im Südosten Afrikas, wo eine Naturkatastrophe die Nächste jagt. Hier wissen die Menschen viele Geschichten über den Klimawandel zu erzählen.

In immer geringeren Abständen wechseln sich in Malawi und Mosambik verheerende Überschwemmungen mit schweren Dürreperioden ab. Alleine während der letzten großen Dürre in Malawi im Jahr 2016 waren fast 8 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Immer mehr Menschen werden durch extreme Wetterbedingungen an den Rand ihrer Existenz gebracht. Die Armut treibt Familien und ihre Töchter zu schwierigen Entscheidungen: Die Mädchen müssen heiraten, damit die Familien überleben.

Kinderheirat existiert seit jeher und ist auch heute in Ländern auf der ganzen Welt verbreitet. Der “United Nations Population Fund” schätzte alleine für das Jahr 2015, dass weltweit 13,5 Millionen Kinder und Jugendliche vor ihrem 18 Geburtstag geheiratet haben.

Schon im Jahr 2015 hat UNICEF gewarnt, dass sich die Zahl der Mädchen, die als Kinder oder Jugendliche heiraten, bis 2050 mehr als 310 Millionen erreichen könnte, sollten die aktuellen Entwicklungen anhalten. Das wäre mehr als eine Verdoppelung der aktuellen Zahlen.

In einem aktuellen Bericht vom Oktober 2017 blickt UNICEF auf West- und Zentralafrika und fordert größere Anstrengungen im Kampf gegen Kinderehen. “Wir müssen uns selbst wachrütteln,” sagt Fatoumata Ndiaye stellvertretende Geschäftsführerin von UNICEF. “Wir können es nicht zulassen, dass weiterhin so viel unserer Mädchen Gesundheit, Bildung und ihre Kindheit verlieren. Unser Bericht zeigt, dass es bei den aktuellen Entwicklungen länger als 100 Jahre dauern wird, bis wir der Kinderehe in der Region ein Ende setzen – wie kann das annehmbar sein?”

Kinderehen werden vor allem im Zusammenhang mit Frauenrechten diskutiert. Das bedeutet aber nicht, dass sie ausschließlich Mädchen betreffen. UNICEF Statistiken zeigen, dass rund 18 Prozent der Kinder, die vor ihrem 18. Geburtstag heiraten, männlich sind. Das sind 2,5 Millionen Jungen jedes Jahr.

Gründe jung zu heiraten gibt es viele. Doch auch wenn neben Tradition auch immer wieder die beginnende Pubertät, die damit aufkommende sexuelle Aktivität und das Risiko einer Schwangerschaft von Eltern genannt werden: Es ist vor allem die Armut, die sie drängt, ihre Kinder früh zu verheiraten. Wenn die Eltern nicht alle ihre Kinder ernähren können, sind es oft die Töchter, die als erste gehen müssen. So ist es auch in Malawi und Mosambik. Hinzu kommt, dass in beiden Ländern der Bräutigam die Mitgift zahlt, für die Eltern der Braut bedeutet dies ein zusätzliches Einkommen.

Kinderehen sind in vielen ländlichen Regionen Afrikas keine neue Entwicklung. In den vergangenen Jahren sind daher immer mehr Initiativen und Programme entstanden, um vor allem Mädchen vor frühen Ehen zu schützen. Auch Regierungen werden sich immer mehr des Problems bewusst. In Malawi ist eine Heirat unter 18 seit dem Jahr 2015 verboten. Trotzdem heiratet in Malawi immer noch fast jede zweite Frau, bevor sie die Volljährigkeit erreicht hat. In Mosambik steigt die Zahl der Kinderehen wegen der steigenden Bevölkerungszahlen an. Es muss also noch einen anderen Faktor geben, der bisher außer Acht gelassen wurde.

Agnes Mposwa

Agnes Mposwa glaubt, diese unbekannte Variable zu kennen: Für sie löst sich die Gleichung durch den Klimawandel auf. Agnes ist 15 und sie hat vor einem Jahr geheiratet. Auf ihrem Arm hält sie ihre vier Monate alte Tochter. Mit ihrem 18-jährigen Ehemann Simon lebt sie im Dorf Muwawa in Malawi.

Ihre Eltern haben Tabak angebaut. Früher konnten sie die ganze Familie damit ernähren, doch seit einiger Zeit schaffen sie das nicht mehr. Als eine schwere Dürre Malawi im Jahr 2016 heimsuchte, brachte das die Familie an den Rand der Existenz. Agnes konnte nicht mehr in die Schule gehen. Es war ihre eigene Entscheidung zu heiraten. Sie wollte nicht mehr nur zuhause sitzen. “Gäbe es den Klimawandel nicht, dann würde ich jetzt in die Schule gehen. Ich muss akzeptieren, dass meine Eltern zwar ihr Bestes getan haben mich zu versorgen, aber dass sie wegen des Klimawandels gescheitert sind.”

Failed crops, Machinga district, Malawi.

Als sie noch in die Schule gehen konnte, hat Agnes vieles über den Klimawandel gelernt. Wie der Mensch Einfluss auf die Umwelt nimmt, hat sie mit eigenen Augen gesehen. “Hinter dem Klimawandel steckt die rücksichtslose Abholzung der Wälder. An den Flussufern, wo die Menschen die Bäume fällen, ist der Boden erodiert. Deswegen hat die Fruchtbarkeit des Landes abgenommen: Dieser Boden, die fruchtbare Erde, wurde durch die Erosion von den Flüssen weggeschwemmt.”

Ihre Eltern wollten nicht, dass Agnes heiratet. Doch sie bestand darauf, einen jungen Mann namens Simon zu heiraten. “Es gab keinen offiziellen Antrag. Wir haben uns einfach ineinander verliebt und so hat unsere Beziehung begonnen. Es hat keine Hochzeitszeremonie gegeben. Er hat bei seinen Eltern gelebt, also bin ich zu ihnen gegangen, um in ihrem Haus zu leben.”

Zu Beginn hat Agnes durchaus auch die positiven Seiten einer Heirat gesehen. “Der schöne Teil war, dass ich mit einem Mann zusammengelebt habe. Wenn mich die Menschen gesehen haben, haben sie mich als verheiratete Frau gesehen.”

Agnes Mposwa

Die anfängliche Freude über ihr neues Leben als Ehefrau wich rasch der Enttäuschung. “Ich habe mich entschieden einen Mann zu finden, um meine Ausbildung zu finanzieren. Aber ich bereue das jetzt, weil er nicht in der Lage dazu ist, mich darin zu unterstützen in die Schule zu gehen, wie ich mir das erwartet habe,” erzählt Agnes.

Dieses Jahr hat sie ihre Eltern um Geld gebeten, um wenigstens einige Prüfungen absolvieren zu können, auch wenn sie die Schule nicht besuchen kann. “Es mag eine überstürzte Entscheidung gewesen zu sein zu heiraten. Es war keine weise Entscheidung. Ich kann meine Ausbildung nicht weitermachen. Wenn mich jemand dabei unterstützen würde, würde ich wieder in die Schule gehen.”

Agnes ist eines von vielen Mädchen, die durch den Klimawandel und extreme Wetterereignisse in frühe Ehen gedrängt wurden. Mac Bain Mkandawire von der Jugend- und Frauenorganisation Yoneco schätzt, dass alleine in Malawi bis zu 1,5 Millionen Mädchen davon bedroht sind, als Folge des Klimawandels früh zu heiraten.

Die Dunkelziffern in Sachen Kinderehe werden von Experten als hoch eingeschätzt. Denn viele Ehen, wie die von Agnes und Simon, werden nie offiziell registriert. Meist sind es lediglich Vereinbarungen zwischen zwei Familien oder zwischen den beiden künftigen Ehepartnern. Manchmal wird eine kleine Mitgift von umgerechnet rund 28 Euro seitens des Bräutigams bezahlt.

In den Dörfern im Süden Malawis und an der Nordostküste Mosambiks, die für diese Reportage besucht wurden, wiederholen sich die Geschichten der jungen Frauen und ihrer Eltern. Es ist ein Muster, das mit jedem Gespräch klarer zum Vorschein kommt. Von den sinkenden Zahlen an Kinderehen, die so viele afrikanische Länder in offiziellen Berichten festhalten, ist hier nichts zu spüren.

Im Verlauf der vergangenen Jahre haben die Menschen hier markante Veränderungen zu spüren bekommen. Die Temperaturen sind gestiegen und der Regen ist nicht mehr so einfach vorherzusagen. Kam die Regenzeit früher im Oktober, kann es heutzutage sein, dass die Bauern bis Dezember warten müssen, bis die vorbereiteten Felder Wasser bekommen. Doch auch der Regen fällt mittlerweile so heftig, dass der ausgetrocknete Boden das Wasser nicht mehr aufnehmen kann. Überschwemmungen und Sturzfluten folgen – auch in Gegenden, die früher nie mit diesen Problemen zu kämpfen hatten.

Die Erzählungen der Dorfbewohner fügen sich in ihren Einzelteilen wie zu einem großen Puzzle zusammen: Sie erzählen von abnehmenden Ernteerträgen oder versiegten Flüssen, von vertrockneten Feldern, steigenden Wassertemperaturen und sinkenden Fischbeständen. Die Folge ist für alle dieselbe: Es fehlt ihnen am Notwendigsten.

Wissenschaftliche Beweise brauchen die Dorfbewohner keine. Sie wissen auch so, dass sich das Wetter verändert hat und damit hat sich noch etwas anderes verändert: Früher konnten sie ihre Kinder versorgen, heute ist das oft nicht mehr möglich.

Viele Väter resignieren angesichts der trostlosen Zukunftsaussichten und sehen in der Heirat ihrer minderjährigen Töchter den einzigen Weg, den Rest der Familie weiter zu ernähren.

Aber nicht immer sind es die Familienväter, die über eine solche Heirat entscheiden.

In ihrer Ursprungsfamilie kämpfen viele Mädchen täglich mit Hunger und können oft nicht mehr in die Schule gehen, weil das für die Eltern zu teuer wäre. Manchmal sind es deshalb die Mädchen selbst, die den Entschluss fassen, eine Ehe einzugehen. Sie erhoffen sich dadurch Sicherheit und vielleicht auch die Möglichkeit, weiter in die Schule zu gehen. So setzen sie ihre Hoffnung in eine ungewisse Zukunft und vage Versprechen. Nicht selten, sind die Eltern alles andere als glücklich mit dieser Entscheidung. Doch es fehlen ihnen die Argumente und die Alternativen.

Carlina Nortino

Carlina Nortino sitzt zwischen Büschen im Sand neben ihrem jungen Ehemann Horacio. Dieser Sand ist alles, was von dem Fluss übrig geblieben ist, der ganz in der Nähe ihres Dorfes Nataka geflossen ist.

Der besagte Fluss im Bezirk Larde im Nordosten Mosambiks sei noch vor wenigen Jahren genau hier durch geströmt, erzählt Carlina. Vom Boden aus kann man sich das kaum vorstellen. Lässt man aber eine Drohne in die Höhe steigen, kann man noch einen dünnen, grünen Streifen erkennen, der sich, mit einzelnen grün-blauen Tümpeln versetzt, durch die ausgetrocknete Ebene schlängelt.

Dried up river in Nataka, Larde district, Mozambique.

Carlina ist 15 Jahre alt, Horacio ist 16. Sie haben geheiratet als Carlina 13 Jahre alt war. Das war zwei Jahre nach dem Verschwinden des Flusses, erzählt Carlina. „Ich kann mich erinnern, wie die Leute hier gefischt haben. Ich habe den Fisch verkauft. Ich habe ihn selbst von den Fischern gekauft und bin dann damit ins Dorf gegangen, um ihn weiter zu verkaufen. Überall hier war Wasser. Ich kann mich auch erinnern, wie ich Horacio mit den anderen Fischern gesehen habe. Aber der Regen ist ausgeblieben und so sind auch die Fische verschwunden.”

Fishermen, Moma, Nampula Province, Mozambique

Früher konnten sie bis zu 20 Säcke Maniok zu je 50 Kilogramm ernten. Doch dann blieb der Regen aus und die Ernte wurde immer weniger. Heute stehen sie im Schnitt bei ein bis zwei Säcken. „Der Regen kommt einfach nicht mehr. Das Wasser, das die Pflanze früher im Boden zur Verfügung hatte, ist nicht mehr da. Es ist unmöglich, mehr als drei Säcke Maniok zu ernten.”

Horacio wirft einen Blick in die Richtung, wo früher der Fluss war. „Ich kann nicht mehr fischen, die Fische haben kein Wasser mehr. Das Wasser ist verschwunden. Ich bin auf die Landwirtschaft umgestiegen. Ich bin jetzt ein Bauer. Aber es stimmt schon, dass wir nicht viel ernten, nicht so viel wie früher. Früher hat die Regenzeit im September begonnen und hat dann bis März gedauert. Jetzt kommt der Regen im Jänner und im Februar Und das wars!”

Carlina hätte sich gewünscht, auch nach der Heirat noch weiter in die Schule zu gehen. „Für mich war es das Wichtigste, in die Schule zu gehen. Ich habe davon geträumt, eine Ausbildung zu machen und Hebamme zu werden. Aber das konnte ich nicht, weil ich arm war. Ich wollte nicht so früh heiraten, ich wollte in die Schule gehen. Aber mein Vater hat mich gezwungen, als er gemerkt hat, dass er mich nicht mehr versorgen kann.”

Horacio schien für ihren Vater die Lösung seiner Probleme zu sein. „Horacio mochte mich und ist dann zu meinen Eltern gegangen, um um meine Hand anzuhalten. Meine Familie hatte nicht genug zu essen, um zu überleben. Darum hat mein Vater den Antrag akzeptiert, weil er mich nicht mehr in die Schule schicken konnte.”

Dieses Jahr hat Carlina ihr erstes Kind auf die Welt gebracht. Der Junge hat nicht überlebt. „Die Schwangerschaft war von Anfang an problematisch. Ich war während der ganzen Schwangerschaft krank. Als ich in den Wehen war, haben sie mich ins Krankenhaus gebracht. Es gab Komplikationen und die Ärzte haben gesehen, dass sie nichts mehr für mich machen können. Deshalb haben sie vorgeschlagen, wir sollten in ein größeres Krankenhaus gehen. Aber meine Eltern konnten es sich nicht leisten, mich dorthin zu bringen. Darum bin ich dort geblieben und habe ein sehr zerbrechliches Baby zur Welt gebracht. Mein Sohn hat nicht überlebt. Er hätte einen Inkubator gebraucht. Aber in dem Krankenhaus, in dem wir waren, hatten sie so etwas nicht. Sie hatten nicht die Möglichkeiten, ihn zu beschützen. Ich bin mir sicher, dass mein Sohn noch am Leben wäre, wenn mein Vater und mein Mann nicht so arm wären.”

Carlina Nortino and husband Horacio Manuel

Er hatte keine Wahl, sagt Carlitos Camilo, Carlina’s Vater über ihre Heirat. Er wollte seine Tochter nicht verheiraten, betont er. Der 49-jährige sagt, er hätte seine Familie immer durch das Fischen und die Landwirtschaft über die Runden gebracht. Doch dann habe sich das Wetter verändert. „Das Problem ist der fehlende Regen. Er hat stark abgenommen, er ist sogar fast verschwunden. Ich habe früher viel gefangen beim Fischen. Aber heute gibt es keine Fische, wiederum weil es einfach nicht genug Regen gibt. Ohne Regen sind auch die Fische nicht mehr in der Lage, sich fortzupflanzen. Früher hat es eine Mündung gegeben, wo sich die Fische fortgepflanzt haben. Es gab ganz verschiedene Arten von Fischen. Aber heute gibt es die nicht mehr, denn diese Mündung ist jetzt ausgetrocknet.” Für Carlitos Camilo liegt hier der Ursprung seiner Probleme. „Es war nicht mein Wille, meine Tochter zu verheiraten. Wenn ich die Möglichkeiten gehabt hätte, alle meine Kinder zu ernähren, wäre ich nicht zu diesem Schritt gezwungen gewesen. Schauen Sie sich meine anderen Töchter an, sie sind normal aufgewachsen, sind in die Schule gegangen und haben dann in einem normalen Alter geheiratet.”

Mosambik hat rund 28 Millionen Einwohner und erstreckt sich entlang der südöstlichen Küste Afrikas, mit den Nachbarländern Tansania im Norden und Südafrika im Süden. Gemessen an der Fläche ist Mosambik das 36-größte Land der Erde, der Boden ist reich an Ressourcen. Auch für die Landwirtschaft gibt es hier grundsätzlich gute Bedingungen: die Hälfte des Landes kann theoretisch bewirtschaftet werden und es gibt 25 große Flusssysteme, darunter den Sambesi, der viertlängste Fluss Afrikas. Die Küste ist rund 2.700 Kilometer lang und der Boden voller Bodenschätze.

Fish caught in the river, Larde, Mozambique

Trotzdem ist Mosambik immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Der Human Development Report 2016 setzt das Land auf Platz 181 von insgesamt 189. Fast 70 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 44 Prozent leben in extremer Armut. Hier sind nicht einmal die grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Wasser, sanitäre Einrichtungen oder Bildung gewährleistet.

Young girl, Larde, Mozambique

1992 ging der Bürgerkrieg zu Ende, der das Land 16 Jahre lang im Griff gehabt hatte. Doch seitdem geht es nur langsam voran. Laut dem „National Insititute for Disaster Management” (INGC), gab es in Mosambik zwischen 1980 und 2012 nicht weniger als 24 Flutkatastrophen, 12 Dürren und 16 Zyklone. Dazu kommen außerdem die Überschwemmungen im Jänner 2013, Februar 2014 und Januar 2015. 2017 suchte der Tropensturm „Dineo” Mosambik heim.

Fischer, die an der langen Küste des Landes ihr Leben verdingen, sind neben diesen Naturkatastrophen auch besonders von der Übersäuerung der Ozeane gefährdet. Eine Studie, die über acht Jahre lang geführt und erst im Oktober 2017 publiziert wurde, zeigt auf, dass das Kohlendioxid, das in die Atmosphäre gestoßen wird, sich im Meerwasser auflöst. Dadurch entsteht Carbonsäure und gefährdet die Tierwelt des Meeres; Schalentiere trifft das besonders, aber auch größere Fische sind davon bedroht.

Boats, Larde, Mozambique

Die Netherlands Commission for Environmental Assessment warnt in einem Bericht von 2015 davor, dass Armut, schwache institutionelle Entwicklung und häufiges Auftreten von extremen Wetterereignissen eine besondere Gefährdung Mosambiks bedeuten. „Klimabedingte Gefahren wie Dürren, Fluten und Zyklone treten in einer zunehmenden Frequenz auf, das hat eine kumulative Wirkung und einen verheerenden Effekt auf eine Bevölkerung, die nur unzureichend vorbereitet ist,” so die Kommission.

Vor diesem Hintergrund steigen die Zahlen der Kinderehen in Mosambik immer weiter an und das trotz aller Bemühungen der Regierung, sich dem Problem entgegen zu stemmen. Sieht man sich die weltweiten Statistiken zu Kinderehen an, liegt Mosambik auf dem 9. Rang. Fast jedes zweite Mädchen heiratet vor dem 18. Lebensjahr (48,2%) und 14,3 Prozent heiraten, bevor sie 15 sind.

Das gesetzliche Heiratsalter liegt bei 18, aber junge Frauen können auch mit 16 heiraten, wenn sie die Zustimmung ihrer Eltern erhalten. 2015 hat die Regierung Mosambiks eine landesweite Strategie genehmigt, die die Zahl der Kinderehen eindämmen soll. Tatsächlich hat aber die wachsende Bevölkerung des Landes die absoluten Zahlen der Kinderehen noch steigen lassen.

Innerhalb Mosambiks sind die Raten der Kinderehen in den nördlichen Provinzen am höchsten. Dazu gehört auch die Provinz Nampula, in der Carlina zuhause ist. UNICEF berichtet, dass alleine in dieser Provinz 129.604 Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag heiraten. Hier findet man auch die höchsten Zahlen an Teenager-Schwangerschaften im ganzen Land, das betrifft laut UNICEF 107.553 Mädchen.

Auch Fatima Mussa wird bald ein Baby bekommen. Die 16-jährige ist im neunten Monat schwanger. Verheiratet ist sie mit Priorino Antiono, er ist 18 Jahre alt. Wie Carlina lebt auch Fatima in Nataka in der Provinz Nampula. Fatima und Priorino haben geheiratet als Fatima 15 Jahre alt war.  Als Mitgift gab Priorino seinem künftigen Schwiegervater umgerechnet rund 28 Euro. Eine Heiratszeremonie veranstalteten sie nicht.

Die Probleme der Familie von Fatima hatten schon vor einigen Jahren begonnen. Bis 2012 war ihre Ernte ausreichend, doch dann wurde der Regen immer unberechenbarer. Auf Fluten folgten Dürren und ihre Produktion stürzte vollkommen ein. „Priorino ist zu mir gekommen und hat gefragt, ob wir heiraten können. Ich habe ihm gesagt, wenn du mich willst, dann musst du meine Eltern fragen. Als er dann vor meinen Eltern stand, sagte mein Vater, dass er nie gedacht hätte, seine Tochter so jung zu verheiraten. Aber er sagte ich müsse heiraten, weil er nicht genug Geld habe, mich in die Oberschule zu schicken,” erinnert sich Fatima. „Ich wollte nicht so jung heiraten, aber ich wusste auch nicht, was ich sonst tun sollte, weil ich ja nicht in die Schule gehen konnte. Ich habe also die Möglichkeit gesehen, jemanden zu heiraten, der mein Leben vielleicht ein wenig verbessern könnte.”

Doch glücklich war Fatima mit der Heirat nicht. „Ich habe mir überlegt, wegzulaufen, meinen Vater zu verlassen, der ja der Heirat zugestimmt hatte. Ich habe überlegt in eine andere Stadt zu gehen, ein neues Leben zu beginnen. Aber ich konnte nicht, ich habe ja keine Familienmitglieder in einer anderen Stadt, die mir helfen könnten. Meine ganze Familie wohnt hier. Also bin ich nicht weggelaufen, ich hatte keinen Ort, wo ich hingehen hätte können.”

Hilfsorganisationen und Aktivisten warnen schon länger, dass es eine direkte Verbindung zwischen Krisensituationen und Kinderheirat gibt. „Girls Not Brides” ist eine internationale Organisation mit Sitz in London, die sich für ein Ende der Kinderehen einsetzt. In einem Bericht von 2016 stellt die Organisation fest: „Während Geschlechterungleichheit eine der Grundursachen von Kinderheirat ist, unabhängig von der Stabilität der jeweiligen Situation, sehen Familien Kinderheirat in Zeiten einer Krise als Bewältigungsstrategie für wirtschaftlich schwierige Situationen und als Möglichkeit, Mädchen vor steigender Gewalt zu schützen.”

Die Regierung Mosambiks reagiert auf das sich veränderte Klima mit einer nationalen Strategie zur Anpassung und Eindämmung des Klimawandels. Es wird aber davon ausgegangen, dass dieser Wandel nicht verhindert werden kann. Er stellt für Mosambik einige zentrale Bedrohungen dar: Häufiger und stärker auftretende Wetterextreme wie Dürren, Fluten und Zyklone, Veränderungen in Temperatur und Niederschlägen und der steigende Meeresspiegel.

Antonio Momade Jamal

Der Fischer Antonio Momade Jamal ist 50 Jahre alt und hat sein ganzes Leben lang in der Stadt Moma in der Provinz Nampula gelebt. Er hat im Jahr 1985 begonnen zu fischen, damals war das noch ein profitables Geschäft, erinnert er sich. Er hatte immer gehofft, dass er in der Lage sein würde seine Tochter Filomena in die Schule zu schicken, doch auch bei ihm wurden die Fänge immer magerer. Widerwillig nahm er die Mitgift von rund 28 Euro an, unter der Bedingung, dass sein 21-jähriger zukünftiger Schwiegersohn Momade Churute seine 15-jährige Tochter Filomena beim Schulbesuch unterstützt.

Fishermen, Moma, Nampula Province, Mozambique

„Früher haben wir in Gruppen mit Netzen gefischt. An einem normalen Tag haben wir so ungefähr 10 Säcke geschafft. Ich erinnere mich, dass dann in den 1990er Jahren immer weniger Fische in den Netzen landeten. Meiner Meinung nach hängt das mit dem Wetter zusammen. Das Klima hat sich verändert. Ich sehe selbst, dass es jetzt viel heißer ist, als in vergangenen Jahren,” so Antonio Momade Jamal. Früher sind die Käufer für die Fische sogar aus der rund sechs Autostunden entfernten Stadt Nampula angereist, doch heutzutage passiert so etwas nicht mehr. „Wir reden ja untereinander darüber und wir sind uns alle einig, dass es wegen dieser hohen Temperaturen schwieriger ist, genug Fische zu fangen.” Dass eine sinkende Fischpopulation auch mit Überfischung zu tun haben könnte, überzeugt Antonio Momade Jamal nicht. „Wir haben auch neue Plätze zum Fischen gesucht, aber in den anderen Gebieten konnten wir auch nichts finden. In unseren früheren Fischfanggebieten steigt der Meeresspiegel und die Wellen sind viel stärker geworden.”

Filomena Antonio

Als dann Momade um Erlaubnis bat, Filomena zu heiraten, war ihr Vater zwar überzeugt davon, dass sie noch zu jung zum Heiraten war, doch er akzeptierte die Entscheidung. „Ich habe ihm gesagt, OK, du kannst meine Tochter heiraten, aber du musst ihr helfen, damit sie weiter in die Schule gehen kann. Das war die Möglichkeit die ich gesehen habe. Und er hat versprochen, dass er das machen würde.”

Auch für seine jüngeren Töchter zieht Antonio Momade Jamal eine Heirat in Betracht. „Ich habe zwei andere Töchter, sie sind 13 und 11. Wenn ein Mann kommen würde, um um ihre Hand anzuhalten, würde ich es in Betracht ziehen, sie zu verheiraten. Dieser Mann könnte helfen, nicht nur die eine Tochter zu unterstützen, sondern könnte mir auch dabei helfen, dass auch die anderen Kinder die Schule weitermachen können.”

Filomena sitzt neben ihrem Vater am Boden. Sie scheint ihre Situation akzeptiert zu haben. Für sie ist nur eines wichtig, nämlich dass sie die Schule weiter besuchen kann. Dann möchte sie in der Stadt studieren, um Krankenschwester zu werden. Sie stimmte der Heirat mit Momade zu, in der Hoffnung, dass ihr Traum in Erfüllung geht. Auch sie kann sich daran erinnern, dass die Situation der Familie sich veränderte, als die Fische immer weniger wurden. “Es gab plötzlich immer weniger Fische und die Armut ist angestiegen. Ich glaube, dass, wenn mein Vater weiterhin viel fangen würde, dann das Heiratsangebot nicht angenommen hätte. Dann hätte er sich meine Ausbildung die Schulgebühren und die Bücher leisten können.”

Filomena hält ihr zweites Kind im Arm. Sie erzählt, dass sie am Abend für die Schule lernt, dann muss ihr Ehemann auf die Kinder aufpassen. Untertags geht sie mit ihrem Mann fischen. „Wir müssen eine Stunde lang zu dem Platz gehen, wo wir fischen. Wenn wir dann dort unser Netz auswerfen, sind da keine Fische.”

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Mosambik leben wie Filomena in ländlichen Gebieten, viele von ihnen an der Küste. Die meisten sind von Subsistenzlandwirtschaft und der Fischerei abhängig. Schon in den 80er und 90er Jahren haben schwere Dürren das Land heimgesucht und mehr als 100.000 Menschen getötet. 17 Millionen Menschen waren insgesamt von den Hungersnöten betroffen. Zwischen 2000 und 2012, haben elf Zyklone das Land getroffen, zwölf Mal so viele wie in den Jahren 1984 bis 1997.

Damit war es nicht getan. Eine Serie von Fluten und Dürren in den Jahren 2007 und 2008  gipfelte in einem tropischen Wirbelsturm mit dem Name „Jokwe”, der die nördlichen Bezirke Mosambiks heimsuchte. Mindestens 13 Menschen kamen ums Leben, fast 10.000 Häuser wurden zerstört und in der Provinz Nampula wurden 100.000 Hektar Land praktisch weggeschwemmt. Die Wirtschaft lag am Boden, die Cashew-Bäume in der Region wurden großflächig zerstört und damit ging der Region auch die Haupteinnahmequelle verloren. Darüber hinaus wurden auch viele Fischerboote zerstört.

Januario Antonio

Januario Antonio lebt am Stadtrand von Moma in der Provinz Nampula. Für den 49-jährigen war der Wirbelsturm und die Unwetter von 2008 entscheidend. „Damals haben unsere Probleme angefangen.” Früher brachte er jeden Tag einen Korb Fische nach Hause, die Landwirtschaft brachte ihm 15-20 Säcke Maniok ein. Heute muss er mit einem Bruchteil davon auskommen, Fische gibt es ohnehin kaum mehr. „Ich muss so viele Personen erhalten, es reicht nicht für das ganze Jahr,” sagt Januario Antonio.

Wenige Jahre nach den Unwettern von 2008 bat ein Mann um die Hand seiner Tochter Theresa an, sie war damals 15 Jahre alt. „Ich wollte wirklich nicht, dass meine Tochter heiratet. Ich wollte, dass sie die Schule fertig machen kann und ein Diplom und das mit meiner Unterstützung. Aber es war unmöglich. Was passiert ist, war nicht das, was ich mir im Herzen für sie gewünscht habe. ”

Theresa Januario

Der Bräutigam Amiro Age versprach, Theresa finanziell zu unterstützen, doch dann verließ er ihre Heimatstadt Moma Richtung Süden auf der Suche nach Arbeit. Neun Monate später brachte Theresa ihr zweites Kind auf die Welt. Ihr Ehemann ist nie mehr zurückgekehrt.

Januario Antonio weiß, dass seine Tochter mit ihrem Schicksal nicht alleine ist. „Es gibt viele Menschen, die in der gleichen Situation sind wie wir. Du wachst am Morgen auf und hast nicht einmal einen Metical (mosambikanische Währung, Anm.), um etwas zu Essen zu kaufen. Das bringt die Menschen dazu, Entscheidungen zu treffen, die sie nicht treffen wollen. Es gibt hier eine Verbindung. Diese extremen Ereignisse betreffen nicht nur Moma. Ich kann sehen, dass sich das Wetter ändert. Selbst wenn man ein verantwortungsvoller Mensch ist und macht, was man kann, ist es immer noch ein Kampf.”

Theresa Januario with daughter Atija, three, and son David, one

Theresa ist mittlerweile 22. Sie lebt mit ihren Eltern und ihren beiden Kindern, der dreijährigen Tochter Atija und dem einjährigen Sohn David zusammen. „Wir hatten damals nicht genug Essen, nicht einmal genug Kleidung. Es schien, als wäre die Heirat meine einzige Möglichkeit,” sagt Theresa, über ihren Entschluss zu heiraten. „Ich habe gesehen, dass meine verheirateten Freundinnen genug zu Essen und Kleidung hatten und ich habe gelitten. An einem Tag habe ich gegessen, am nächsten nicht. Da habe ich es vorgezogen, einen Mann zu finden, damit ich ein normales Leben haben kann.”

Zu heiraten war Theresa’s Idee, nicht die ihres Vaters. „Wir haben uns getroffen, als ich einmal in dem Dorf war, in dem er gewohnt hat. Wir haben uns zusammengesetzt, darüber gesprochen und ich habe ihm gesagt, er soll zu mir nach Hause kommen und mit meinem Vater reden. Mein Vater hat nichts dagegen gesagt, er hat gedacht, es wäre ein Weg mich zu unterstützen, dass ich sogar die Schule besuchen könnte. Das hat sich mein Vater von der Heirat erwartet. Aber nach unserer Heirat haben auch für meinen Ehemann dieselben Probleme begonnen und er konnte meine Ausbildung nicht finanzieren.”

Theresa sagt, sie wäre in die Schule gegangen, wenn nur das Geld dafür da gewesen wäre. Sie wollte im Gesundheitsbereich arbeiten. Ein Wunsch, der jetzt unmöglich scheint. „Ich habe gedacht, ich heirate mit 35. Ich bin nicht glücklich, ich habe nicht geplant so jung zu heiraten. Aber es ist meine eigene Schuld. Ich glaube, es war mein Schicksal so früh zu heiraten.” Für ihre Tochter Ajita wünscht sich Theresa eine andere Zukunft. „Meiner eigenen Tochter werde ich sagen, dass sie nicht so jung heiraten soll. Selbst wenn sie nicht die Möglichkeit hat, die Schule zu besuchen. Weil dann wird sie Kinder haben, vielleicht bleibt sie alleine mit ihnen zurück und dann wird ihre Situation noch schlechter. Ich werde meiner Tochter sagen, dass ich meine Entscheidung bereue. Ich habe gedacht, dass heiraten eine Lösung ist, aber es hat alles noch schlimmer gemacht. Ich werde ihr sagen, sie soll in die Schule gehen. So können wir versuchen, die Situation zu verbessern.”

Nataka village in Larde district, Mozambique.

Doch es ist ein Kampf gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. In den Jahren 2015 und 2016 hat das Wetterphänomen El Nino die schlimmste Dürre im südlichen Afrika seit 35 Jahren verursacht. 39 Millionen Menschen auf dem Kontinent waren davon betroffen.

El Nino ist ein komplexes natürliches Wetterereignis. Die Wissenschaft ist sich nicht darüber einig, ob El Nino durch die steigenden Luft- und Wassertemperaturen beeinflusst wird. Eine Studie, publiziert in der Fachzeitschrift Nature im Jahr 2014, stellt aber die These auf, dass sich das Auftreten dieses Wetterphänomens durch die Treibhausgase in der Zukunft verdoppeln könnte.

Auch dieses Jahr, im Februar 2017, hatte Mosambik mit einer weiteren Naturkatastrophe zu kämpfen. Der tropische Wirbelsturm Dineo verursachte in weiten Teilen des Landes große Schäden. Mit Windspitzen von über 160 km/h und sintflutartigen Regenfällen kamen durch „Dineo” fünf Menschen ums Leben, 55 weitere wurden verletzt. Mehr als 100.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Insgesamt waren 600.000 Menschen in Mosambik vom Wirbelsturm betroffen.

Moma, Nampula Province, Mozambique

Die Zahlen des „Nationalen Instituts für Katastrophenmanagement” belegen die verheerenden Auswirkungen für die Bevölkerung. Neben Tausenden beschädigten oder zerstörten Häusern wurden auch mehr als 1.600 Klassenräume und 70 Gesundheitseinrichtungen beschädigt. 137.000 Obstbäume wurden zerstört und auf 29,000 Hektar Land wurden die Nutzpflanzen zerstört, die im April dieses Jahres geerntet hätten werden sollen.

2015 gab laut einem Bericht der internationalen Hilfsorganisation CARE 631,000 Mädchen, die früh geheiratet hatten. Mit der steigenden Armut der Familien rechnet CARE mit einem Anstieg auf 732.000 Mädchen bis 2020.

Girls in Kachaso village, Nsanje district, Malawi.

Das Nachbarland Malawi hat ähnlich hohe Raten an Kinderehen wie Mosambik. Fast die Hälfte der Mädchen in Malawi heiraten vor ihrem 18. Geburtstag, fast jede 10 schon vor dem 15. Geburtstag. Nur zwei Plätze hinter Mosambik, rangiert Malawi laut UNICEF auf der unrühmlichen Liste jener Länder mit der höchsten Rate an Kinderehen auf dem 11. Rang.

Dabei ist Kinderheirat in Malawi bereits seit 2015 illegal. Seit aber damals das legale Heiratsalter auf 18 Jahre festgelegt wurde, hat es keine Berichte über Fälle gegeben, die auch verfolgt worden wären.

Kachaso village, Nsanje district, Malawi.

Malawi ist unter den bevölkerungsreichsten Ländern Afrikas. 17 Millionen Menschen leben hier, laut dem Internationalen Währungsfond könnten es im Jahr 2050 bereits 45 Millionen sein, wenn die aktuellen Bevölkerungswachstumsraten anhalten.

Das Land kämpft gegen die chronische Unterernährung eines großen Teils der Bevölkerung, eine stetig abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens und gegen pandemische Krankheiten, darunter Malaria und Ausbrüchen von Cholera. Der Großteil der Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten. Die Menschen leben von Subsistenzlandwirtschaft und bauen vor allem Mais, Hirse, Baumwolle, Reis und Tabak an. Für einen großen Teil der malawischen Bevölkerung ist es ein täglicher Kampf, Essen auf den Tisch zu bringen. Laut dem IWF leben 70 Prozent der Malawier unter der Armutsgrenze, 25 Prozent leben in extremer Armut.

Woman carrying water, Kachaso village, Nsanje district, Malawi.

Naturkatastrophen, die in immer kürzeren Abständen das Land treffen, verschlimmern die Situation. Der IWF sieht in den Wetterextremen die große Gefahr, dass immer mehr Menschen in die Armut abrutschen. Die Landwirtschaft Malawis ist großteils vom Niederschlag abhängig und so besonders von Dürren und Fluten bedroht. Diese Naturkatastrophen zerstören nicht nur die Ernten, sondern lösen auch einen Teufelskreis aus, der nachhaltige Folgen für die Nahrungs- und Wassersicherheit in den betroffenen ländlichen Gebieten hat.

Bereits in den Jahren 2012 und 2103 haben zwei große Fluten die Bezirke Nsanje und Mangochi im Süden Malawis getroffen. Zwei Jahre später haben erneut Überschwemmungen große Teile des Landes unter Wasser gesetzt. Fast 400.000 Lehmhütten wurden zerstört, genauso wie wichtige Einrichtungen. Unzählige Nutztiere wurden getötet, zehntausende Hektar landwirtschaftlicher Boden verwüstet. Die ohnehin schon prekäre Situation vieler Menschen wurde weiter verschlimmert. Insgesamt waren mehr als 1,1 Millionen Menschen von den Fluten betroffen. 230.000 mussten in Camps Zuflucht suchen, 176 Menschen wurden getötet, weitere 172 sind als vermisst gemeldet. Präsident Peter Mutharika rief für 15 der 28 Bezirke den Notstand aus. Der Bezirk Nsanje war besonders stark betroffen.

Rute Fumulani

Die Überschwemmungen in Nsanje haben das Leben von Rute Fumulani vollkommen verändert. Sie verlor beide Eltern, als die Fluten 2015 das Dorf Kachaso unter Wasser setzten. „Es war mitten in der Nacht als das Wasser angestiegen ist,” erinnert sie sich. Rute wurde durch Rufe und Schreie wach und konnte sich in Sicherheit bringen. Doch ihre Eltern versuchten noch Habseligkeiten und ihre Tiere zu retten. Rute wurde in die höher gelegene und damit sichere Schule geschickt. Ihre Eltern hat sie nie wiedergesehen. „Ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. Ich habe keine Informationen darüber, wo sie jetzt sein könnten. Deshalb gehe ich davon aus, dass beide während der Fluten ums Leben gekommen sind.”

In den Camps für Flutopfer wurden vor allem die Familien unterstützt. Auf sich allein gestellt, musste Rute von den Abfällen leben. „Die Leute haben mir gegeben, was von ihrem Essen übrig geblieben war. Ich hatte nicht einmal etwas, mit dem ich essen konnte, wie eine Schüssel, einen Teller oder einen Löffel. Das Leben war sehr schwer.” Nach vier Tagen im Kampf ums Überleben traf Rute den jungen Fumulani. Auch er war in einer ähnlichen Situation und kümmerte sich um seine beiden kleinen Geschwister. „Ich hatte Probleme und er hatte auch Probleme. Da haben wir entschlossen, uns zusammen zu tun und einander zu helfen.”

Fumulani, Eliya, Rute, Thokozani, Amines

Für Rute war die Heirat eine pragmatische Entscheidung. Liebe spielte dabei keine Rolle. „Ich war ganz alleine und deshalb habe ich angenommen, als er mich bat, ihn zu heiraten. In der ersten Nacht haben wir nicht miteinander geschlafen, aber er wollte es. Drei Tage lang hat er weiter gefragt. Und weil ein Mann ein Mann ist, hat er mich überwältigt und ich hatte keine andere Wahl, als es zu akzeptieren. So ist es dann passiert. Aber es war sehr schmerzhaft.”

Auch in den nächsten Monaten hielt die Gewalt an. „Dieser Kampf dauerte noch länger an, weil ich nicht bereit war, mit ihm zu schlafen. Es ist so weitergegangen, bis ich dann gesagt habe, es sei okay.” Rute erzählt, sie habe trotz allem gelernt, ihren Mann zu lieben. „Später sind wir uns näher gekommen und wir haben uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, was passiert ist. Ich war noch ein Kind und ich wusste nicht, was in einer Ehe passiert, deshalb dieser Kampf. Also haben wir geredet und einander vergeben.”

Mittlerweile ist Rute 16. Die beiden haben einen Sohn, Thokozani, der knapp mehr als ein Jahr alt ist. In einer Lehmhütte mit zwei Zimmern leben die drei zusammen mit den jüngeren Geschwistern ihres Ehemannes. Auch sie sind noch jung, der kleine Bruder ist neun Jahre alt, die Schwester erst fünf. An Tagen, an denen Rute und Fumulani Arbeit finden, verdienen sie umgerechnet maximal rund 60 Cent. Das seien dann auch jene Tage, an denen sie etwas essen können, erzählt Rute.

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Früher hatte Rute geträumt, die Schule zu beenden und Krankenschwester zu werden, doch diese Träume hat sie längst begraben. Heute hofft sie, dass es ihrem Sohn irgendwann einmal besser gehen wird. Doch es ist schwierig für Rute optimistisch zu sein. “Es ist wegen der extremen Wetterverhältnisse schwer für Eltern ihre Kinder zu versorgen. Manche Eltern arbeiten sehr hart daran, aber wegen der Dürreperioden können sie nicht genug für den ganzen Haushalt ernten. Und auch wegen anderer Probleme, die sich durch das Wetter ergeben, können Familien nicht genug ernten.”

Seit einigen Jahren beobachtet Rute die Veränderungen des Wetters. „In den vergangenen Jahren haben wir die Regenfälle im Oktober erwartet. Aber das hat sich verändert, jetzt kommt der Regen normalerweise im Dezember. Und selbst wenn der Regen kommt, dann ist er in den ersten Wochen sehr stark. Und dann folgt wieder Trockenheit. Wegen der Trockenheit können dann die Pflanzen nicht überleben und die Familien können nicht genug ernten.”

Charity Lloyd, 19, with her husband Isaac Chuva, 23 and their daughter Eveless, one and a half years old.

Im nahegelegenen Dorf Malakeza erzählt die 19-jährige Charity Lloyd von einem ähnlichen Schicksal. Auch sie musste nach den Überschwemmungen 2015 in ein Camp für Flutopfer. Ihr Vater war bereits einige Jahre davor gestorben, nach den Fluten verstarb auch ihre Mutter.

Charity war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und auf sich alleine gestellt. Auch sie beschloss zu heiraten. Zwei Jahre später sitzt sie nun mit ihrem 23-jährigen Ehemann Chuva und der einjährigen Tochter Eveless vor einer Lehmhütte. „Als ich klein war, habe ich von höherer Bildung geträumt. Ich wollte wirklich in die Schule gehen und Teil der Gesellschaft sein,” sagt Charity. „In einer Gemeinschaft werden die bevorzugt, die lesen und schreiben können. Deshalb wollte ich in die Schule gehen, damit ich Teil des Gemeindelebens sein kann.”

Doch heute können sie und Chuva ihre kleine Familie kaum ernähren. Dass sie einmal eine höhere Schule abschließen könnte, glaubt Charity nicht mehr. „Es ist eine Auswirkung des Klimawandels. Die Wetterbedingungen erlauben es uns nicht, genug zu ernten, um die Familie zu ernähren. Es regnet nicht genug und es gibt immer wieder Trockenheit,” erzählt Charity. „Es ist das hemmungslose Fällen der Bäume, welches diese Veränderungen hervorgerufen hat. Wenn die Menschen die Bäume in der Nähe der Flüsse fällen, verursacht das Überflutungen. Das Wasser breitet sich einfach aus, es gibt nichts, das es aufhalten könnte.”

Lucy Anusa

Im Jahr 2016 folgte auf die verheerenden Fluten im Vorjahr eine schwere Dürre. Lucy Anusa war damals 14 und die jüngste von drei Schwestern. Sie lebte mit ihren Eltern im Dorf Namakala, südlich des Malawi Sees. Schon vor der Dürre fiel es den Eltern schwer, Lucys Schulgebühren zu bezahlen. „Ich muss sagen, dass meine Eltern schon vorher arm waren, aber die Dürre 2016 hat mich wirklich dazu gebracht zu heiraten,” erzählt Lucy. „Ich haben diesen Mann getroffen und er hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe ihn angenommen, obwohl meine Eltern mir immer Positives über Bildung erzählt haben. Aber angesichts der Situation zuhause habe die Heirat gewählt. Ich musste meine eigene Entscheidung fällen.”

Lucy Anusa

Diese Entscheidung traf sie gegen den Wunsch ihrer Eltern, erzählt Lucy. „Meine Eltern waren nicht glücklich darüber. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen und niemand konnte mich aufhalten.” Wie viele ihrer Altersgenossinnen erhoffte sich auch Lucy von der Heirat ein besseres Leben. „Ich habe gedacht, dass ich nach der Heirat ein glückliches Leben haben würde. Ich habe auch viele Freunde gehabt, die geheiratet haben, und denen es gut ging. Ich habe gedacht, so würde es mir auch ergehen.” Eine Hochzeitsfeier gab es nicht. Sie zog aus ihrem Elternhaus aus und in das Haus ihres 16-jährigen Ehemannes ein. Und eine Zeit lang ging alles gut. Bis sie erfuhr, dass sie schwanger war. „Er fing an Affären zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr glücklich.”

Lucy Anusa

Im Alter von 15 Jahren hat Lucy dieses Jahr eine Tochter zur Welt gebracht. Trotzdem drohte ihr Mann damit, eine weitere Ehefrau zu nehmen, sollte sie sein Haus nicht verlassen. Mittlerweile lebt Lucy wieder bei ihren Eltern. „Mein Mutter musste mich wieder aufnehmen, aber sie erinnert mich immer wieder daran: Meine Tochter, ich habe dich davor gewarnt! Du bist zu jung, um zu heiraten. Es gibt viele Probleme, wenn man so früh heiratet.’”

Steven Banda

Steven Banda sitzt auf einem Plastikstuhl vor seiner Lehmhütte im Dorf Yohane, auf halbem Weg zwischen der Stadt Blantyre und dem südlichen Ende des Malawi Sees. Der 53-jährige Bauer versucht mit den Veränderungen der letzten Jahre klarzukommen. Früher war er in der Lage, genug anzubauen, um seine Familie zu ernähren. Doch die Ernten wurden immer schlechter. „Es ist das Resultat der Überschwemmungen einiger Jahre. Das Wasser hat all unsere Pflanzen weggespült. In manchen Jahren sind die Ernten wegen der Dürre schlecht. Der Regen, der dann kommt, ist zu wenig für das Überleben der Pflanzen. Das ist es, was das Leben schwierig macht,” erzählt er.

„Ich weiß nicht, warum sich das Klima verändert hat. Alles was passiert, liegt in Gottes Macht. Gott bestimmt und er weiß alles. Ich weiß nicht, ob die Wetterbedingungen wieder zur Normalität zurückkehren. Ich glaube nicht.” Vor drei Jahren beschloss die Tochter von Steven Banda, zu heiraten. Die damals 16-Jährige wollte der Armut ihrer Familie entkommen. „Meine Freundinnen in der Schule haben begonnen, sich mit Jungs abzugeben, also habe ich das auch gemacht,” sagt Caroline Banda. „Die Probleme zuhause waren aber für mich auch ein Grund, warum ich mit Jungs unterwegs war. Ich ging mit leerem Magen in die Schule und wenn ich zurückkam, gab es immer noch kein Essen.”

Der Mais, den sie gepflanzt hatten, war verkümmert und von Nagetieren angefressen. Der Boden war von den Fluten weggeschwemmt worden. Anstatt der 50 Kilo Säcke, die sie früher geerntet hatten, kamen sie jetzt nur mehr auf eine Menge von insgesamt 20 Kilogramm.

„Ich wusste nichts über die Ehe, aber ich habe darauf bestanden zu heiraten, weil ich einfach aus dem Haus meiner Eltern ausziehen und die Probleme zuhause hinter mir lassen wollte,” erklärt Caroline ihre Entscheidung, im Alter von 16 Jahren zu heiraten. „Ich mochte meinen Ehemann vom ersten Tag an, als ich ihn sah. Ich habe ihn sofort geliebt. Ich habe ihn nie nach seinem Alter gefragt und er hat es mir nie erzählt. Eine Hochzeitszeremonie haben wir nicht gehabt.”

Den anfänglichen Optimismus verlor Caroline schnell. „Am erste Tag unserer Ehe lief alles gut. Wir haben am ersten Tag miteinander geschlafen und am Anfang war alles gut. Mein Ehemann konnte meine Familie versorgen. Aber dann haben sich die Dinge verändert.”

Nun ist sie 19 Jahre alt, vor der Hütte ihrer Eltern stillt sie ihren einjährigen Sohn Yankho. Caroline lebt nun wieder bei ihren Eltern. Als sich die Situation in ihrer neuen Familie zum Schlechteren entwickelte, berief ihre Schwiegermutter ein Familientreffen ein. Carolines Ehemann machte ihre klar, dass er sich nicht länger für sie interessierte. „Meine Eltern sprachen nicht sehr freundlich zu mir, als ich zurückkam. Sie haben mich daran erinnert, dass sie nicht gewollt hatten, dass ich heirate. Sie haben mich an das erinnert, was sie mir vor der Heirat gesagt hatten. Es war ein schrecklicher Tag für mich.“ Trotzdem haben sie ihre Eltern wieder aufgenommen. „Sie haben meine Rückkehr akzeptiert, weil ich ihre Tochter bin. Aber beim kleinsten Missverständnis erinnern sie mich daran, dass ich darauf bestanden hatte zu heiraten.” Carolina ist wieder dort angekommen, wovon sie unbedingt weg wollte. Doch dieses Mal hat sie auch ein kleines Baby.

„Ich bereue, dass ich überhaupt erst geheiratet habe. Jetzt liegt meine Zukunft in Scherben. Hätte ich gewusst, wie die Ehe ist, hätte ich nicht geheiratet.” Caroline macht das Klima für ihre Situation verantwortlich. „Ich bin mir sicher, dass meine Probleme vermieden hätten werden können, wenn es diese extremen Wetterbedingungen nicht geben würde. Ich habe das, was ich gemacht habe darum getan, weil wir zuhause nicht genug zu essen hatten. Und sogar jetzt fehlt es uns daran. Meine Eltern, meine Geschwister und jetzt auch mein Kind, das Essen reicht nicht für uns alle. Wenn das Wetter keine Probleme machen würde, dann wäre unsere Situation anders.”

Nsanje district, Malawi.

Ein offizieller Bericht zur Dürre im Jahr 2016 hält fest, dass die Auswirkungen, die Häufigkeit und auch die flächenmäßige Ausbreitung der Dürren in Malawi in den vergangenen vier Jahrzehnten stetig zugenommen haben. Die Autoren des Berichts gehen außerdem davon aus, dass sich die Situation in den kommenden Jahren durch das Zusammenspiel von Klimawandel und anderen Faktoren (wie dem Bevölkerungswachstum) noch verschlimmern wird. In den vergangenen 36 Jahren hat es acht große Dürreperioden gegeben. Der Schaden nach der Dürre im Jahr 2016 wird dabei auf mehr als 250 Millionen Euro geschätzt.

Failed crops, Machinga district, Malawi.

Was Caroline und die anderen Mädchen über die veränderte Regenzeit berichten, wird auch durch die Wissenschaft bestätigt. „Wir bemerken, dass in jenen Regionen, in denen die Regenzeit normalerweise im Oktober beginnt, der Regen mittlerweile erst Ende November oder Anfang Dezember fällt,” sagt Charles Vanya, Chefmeteorologe beim malawischen Wetterdienst und zuständig für Wettervorhersagen. Neben dem späteren Beginn der Regenzeit bereiten den Experten auch die unberechenbaren Niederschläge Sorgen. So können einerseits die in wenigen Wochen fallenden großen Mengen Niederschlag zu Überschwemmungen führen und den Beginn der neuen landwirtschaftlichen Saison verschieben. Andererseits können die Regenfälle auch abrupt wieder enden. „Diese Veränderungen des Beginns der Agrarsaison können ernsthafte Auswirkungen für jene haben, die nicht wissen, wie sich das Klima verändert. Wenn es zu regnen beginnt, beginnen sie sofort mit der Aussaat. Aber drei Wochen später bemerken sie dann, dass alle Pflanzen, die sie gesetzt haben, ausgetrocknet sind,” erklärt Amos Mtonya, Vanya’s Kollege beim Wetterdienst und zuständig für Frühwarnsysteme, Resilienzkonzepte und Anpassungsstrategien.

Workers planting macademia trees oiutside Blantyre, Malawi.The city is just visible in the distance through the smog.

Ein Bericht der Weltbank-Einrichtung GFDRR zur Verringerung und Bewältigung von Katastrophen stellte schon 2011 fest, dass die jährliche Durchschnittstemperatur in Malawi jedes Jahrzehnt um 0,21 Grad Celsius ansteigt. Mit dieser Entwicklung, die seit den vergangenen drei Jahrzehnten anhält, wird mit einem Anstieg um 3,0 Grad Celsius bis 2060 gerechnet. „Wegen diese Temperaturanstiege ist die Niederschlagsmenge nicht mehr für das Überleben der Pflanzen ausreichend. Selbst wenn es regnet und die Menschen mit der Aussaat beginnen, werden die Pflanzen nicht überleben. Die Bauern müssen die Saat dann mehrmals ersetzen,” so Meteorologe Charles Vanya.

„Kinderheirat ist eine Bewältigungsstrategie im Umgang mit dem Klimawandel.” Gibson Mphepo, von der Denkfabrik LEAD Southern & Eastern Africa sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Kinderheirat. „Mehr als 90 Prozent des Einkommens kommt aus der Landwirtschaft. Wenn dieser Sektor betroffen ist, heißt das, dass das auch das Einkommen beeinflusst. Um Mädchen in die Schule schicken zu können, benötigt man Geld. Wenn die Ernten beeinträchtigt sind, fehlt es den Haushalten am nötigen Geld, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Das sind dann die Fälle, wo die Mädchen früh verheiratet werden, um die Größe des Haushaltes zu verkleinern.”

Woman collects drying shoes in Malakeza village in the Nsanje district of Malawi

2015 berichtet auch ein Report der Regierung über Kinderheirat als Folge der Überschwemmungen. Die NGO „Girls Not Brides” teilt diese Beurteilung. In einem Bericht vom Juni 2017 weist die Organisation auf den Einfluss von Überschwemmungen und Dürren auf die Ernten und somit auch auf die Nahrungsmittelsicherheit der Familien hin. Eine Heirat der Töchter könnte in diesen Familien als Strategie eingesetzt werden um die Ernährungssicherheit wiederherzustellen, so „Girls Not Brides”.

„Es geht darum ,wie der Klimawandel mit Armut zusammenhängt und welcher Druck damit auf die Gesellschaft und die Menschen ausgeübt wird,” meint auch Amos Mtonya. „Für manche Familien kann es eine Erleichterung sein, eine Tochter wegzugeben. Auch für die Familie des Ehemannes kann es von Vorteil sein, denn sie wird als Unterstützung im Haushalt angesehen. Natürlich spielt Tradition eine Rolle, aber der Klimawandel ermutigt junge Menschen dazu, früh zu heiraten,” so der Meteorologe.

Ein Bericht von Human Rights Watch zu Kinderheirat in Malawi stellt fest, dass zwischen 2010 und 2013 mehr als 27.500 Mädchen die Grundschule und mehr als 4.000 Mädchen eine höhere Schule wegen einer Heirat verlassen haben. Gleichzeitig brachen mehr als 14.000 Schülerinnen der Grundschule beziehungsweise fast 5.600 Schülerinnen einer höheren Schule ihre Ausbildung wegen einer Schwangerschaft ab.

Maliya Mapira

Das war auch der Grund für Maliya Mapira, die Schule abzubrechen. Mit 15 wurde sie von einem Lehrer schwanger. Ihre Eltern sind Tabakbauern, die Familie lebt wegen der schlechten Ernte von der Hand im Mund. Als die Eltern erfuhren, von wem Maliya schwanger war, traten sie für eine Heirat ein. „Der Lehrer sollte mich und mein Kind versorgen, damit ich die Schule beenden kann. Aber nach einer Weile konnte er mich nicht mehr versorgen, nicht einmal mehr das Baby. Darum wurde es schwierig für mich in die Schule zu gehen. Ich brach sie ab und sah mich nach einem Ehemann um. Ich wollte den Lehrer nicht heiraten, weil er außer mir noch andere Freundinnen hatte. Und ich wusste, dass er mich nicht versorgen könnte. Der Mann, den ich dann geheiratet ist im Vergleich dazu bessergestellt. ”

Maliya Mapira

Ihre Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen. „Meine Eltern haben versucht mich zu unterstützen, aber sie sind sehr alt und ich wollte sie nicht unter Druck setzen. Darum habe ich entschieden diesen Mann zu heiraten, um zu überleben.” Maliya lebt nun mit dem Mann zusammen, den sie schlussendlich geheiratet hat. „Mein Mann kann für manche Dinge sorgen, für andere nicht. Er ist ebenfalls Bauer. Er kann uns mit Nahrungsmitteln versorgen, aber es ist nicht genug. In einer schwierigen Zeit können wir nicht einmal Seife kaufen.” Auch nach ihrer Heirat ist Maliyas Leben von den extremen Wetterverhältnissen bestimmt. „Mein Mann ist Tabakbauer. Manchmal spülen die Fluten die Pflanzen weg. Es ist sogar schwierig Dünger zu bekommen und auch den schwemmen die Fluten weg. Schlussendlich können wir nur sehr wenig ernten.” Ein weiteres Kind, gemeinsam mit ihrem Mann, möchte sie deshalb nicht. „Es ist schon ein Kampf das eine Kind zu versorgen, das ich schon habe. Es würde alles nur noch schwieriger machen.”

Mac Bain Mkandawire , executive director of Youth Net and Counselling (YONECO) in Malawi

Die Organisation Youth Net and Counselling engagiert sich für Frauen- und Kinderrechte in Malawi. Geschäftsführer Mac Bain Mkandawire stellt neben der steigenden Zahl der Naturkatastrophen auch einen Anstieg der Kinderehen fest. „In den vergangenen Jahren beobachten wir in den Regionen, die durch Fluten und Dürren verwüstete werden, dass viele Kinder verheiratet werden, weil ihre Familien sehr groß sind. Manchmal sind es auch die Kinder, die heiraten, weil sie sich einen besseren Lebensstandard erhoffen, aber das ist nicht immer der Ausgang,” so Mac Bain Mkandawire. „Der Gedanke dahinter ist, ,Du bist hungrig und wenn du heiratest, hast du vielleicht mehr zu Essen.’ Der Bezirk Mangochi beispielsweise wurde hart von den Überschwemmungen getroffen und dort beobachten wir eine steigende Zahl von Mädchen, die heiraten.”

Kinderehen sind seit jeher ein Problem in der Region, so Mkandawire, aber in den letzten Jahren sei das Klima zu einem bestimmenden Faktor geworden. „Wir haben noch keine detaillierten Statistiken, aber ich würde sagen, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Kinderehen in Malawi als Folge des Klimawandels aufgrund von Überschwemmungen und Dürren entstehen. Wir gehen davon aus, dass vier bis fünf Millionen Mädchen in Malawi von einer Kinderheirat bedroht sind, das sind dann 1,5 Millionen Mädchen, die durch den Klimawandel gefährdet sind, früh zu heiraten. Das ist eine riesige Zahl.”

Girls in Kachaso village, Nsanje district, Malawi.

Frühe Ehen sind oft auch für kommende Generationen ein Teufelskreis. Laut einem Bericht der Afrikanischen Union von 2015, heiraten laut dem Bericht 65 Prozent der Frauen mit keiner oder wenig formaler Bildung bereits im Kindes- oder Jugendalter. Dagegen sind es bei jenen, die eine höhere Schule besuchen nur fünf Prozent. Töchter von Müttern, die jung geheiratet haben, sind besonders gefährdet, ebenfalls jung zu heiraten. „Wenn die Mädchen heiraten, wird von ihnen erwartet, Sex zu haben und Babies auf die Welt zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ihre Kinder auch in Armut aufwachsen und aus denselben Gründen ebenfalls früh verheiratet werden. Außerdem sind diese Mädchen besonders anfällig für die verschiedensten gesundheitlichen Probleme,” so Mkandawire.

Junge Frauen, die früh schwanger wurden, leiden überdurchschnittlich oft an Gebärmutterhalskrebs, geburtstraumatischen Fisteln und sexuell übertragbaren Krankheiten. Das Risiko, während der Geburt zu sterben, ist bei Mädchen besonders hoch.

Majuma Julio

Im Hof am Rand der mosambikanischen Stadt Moma, rührt Majuma Julio in einem Topf. Sie bereitet das Mittagessen für sich und ihren Mann Juma Momade vor. Juma hält die gemeinsame Tochter Fatima auf dem Schoß. Majuma und Juma haben vor zwei Jahren geheiratet, sie war damals 15, er 19 Jahre alt. Majuma hatte bei ihrem Onkel gewohnt, doch er konnte es sich nicht mehr leisten, sie zu versorgen. Das Wetter hatte sich verändert, erzählt Majuma, und es war kein Geld mehr da.

Ähnlich wie in Malawi wird auch für Mosambik ein deutlicher Temperaturanstieg für die nächsten Jahrzehnte erwartet. Bis 2060 soll es um 3,7 Grad Celcius wärmer werden. Auch die Niederschläge werden immer unregelmäßiger. Bereits seit den 1960er Jahren hat der Niederschlag um 3,1 Prozent pro Jahrzehnt abgenommen.

Als Majumas Eltern sie vor sieben Jahren zu ihrem Onkel nach Moma schickte, weil sie dort näher bei der Schule war, hatte dieser keine Probleme. Er erntete genug Maniok, dazu Erdnüsse und Mais. Doch nach einigen Jahren bemerkte Majuma die Veränderungen.

Majuma Julio

„Es war wegen der Sonne. Es war zu sonnig und es regnete nicht genug. Sein Ertrag wurde immer geringer, das war drei Jahre bevor ich geheiratet habe,” erzählt Majuma. „Früher hat es zwei Monate lang geregnet, aber es wurde immer weniger. Ich gebe niemandem die Schuld dafür, das Wetter hat sich einfach verändert.”

Juma hielt um ihre Hand an und Majumas Onkel nahm an, weil er sie nicht mehr versorgen konnte und ihren Schulbesuch nicht mehr bezahlen konnte. Das war auch der Grund warum Majuma der Ehe zustimmte. „Ich habe nur zugestimmt, weil ich in die Schule gehen wollte. Ich war in der siebten Schulstufe und ich wollte die Schule fertig machen und arbeiten, um mich versorgen zu können. Ich wollte Lehrerin werden.”

Majuma war skeptisch, sie wusste, dass eine Heirat auch Kinder bedeuten würde. Sie machte sich Sorgen, dass das ihrer Ausbildung ein Ende setzen würde. Doch Juma machte ihr das Versprechen, sie zu unterstützen. Dieses Versprechen hat er gehalten. „Mir geht es gut. Ich fühle mich besser, als ich noch im Haus meines Onkels gewohnt habe. Mein Mann behandelt mich gut, ich kann weiter in die Schule gehen und wir haben keine Probleme.” Für ihre Tochter möchte Majuma trotzdem eine andere Zukunft. „Ich werde es nicht zulassen, dass meine Tochter mit 15 heiratet. Sie muss in die Schule gehen.”

Majuma geht noch in die Schule, genauso wie Lucy und Filomena. Für sie besteht noch die Möglichkeit, dem Teufelskreis Armut zu bekommen. Für Ntonya, Rute und Maliya und die anderen Mädchen aber ist der Traum vorbei. Der Klimawandel hat aus diesen Mädchen verheiratete Frauen gemacht und ihnen die Hoffnung auf eine Zukunft jenseits der Armut genommen. Die Lebensgeschichten dieser Mädchen sind die Realität von tausenden anderen jungen Frauen.

Eine Realität, die so unbekannt wie verstörend ist, verursacht durch die klimatischen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte.

Text: Miriam Beller

Brides Of The Sun. L-R: Carlina Nortino, 15; Muacheia Amade, 14; Lucia Eusebio, 15, Fatima Amisse, 14

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